Über die
Fastenzeit möchte die Egerländer Kunstgalerie zu einer besonderen
Ausstellung mit besinnlichem Charakter einladen. Sie richtet sich nicht
nur an Kunstliebhaber, sondern auch an Menschen, die sich gerne eine
Auszeit vom Alltag gönnen.

Er ist ein Sinnbild für das Leben. Ob er einzeln in der Landschaft steht
oder in Gemeinschaft mit anderen, der Baum bleibt immer einzigartig und
doch Teil eines Ganzen. Darin spiegeln sich Aspekte des Menschseins wider.
Der Baum verkörpert in besonderer Weise den wiederkehrenden Jahreskreis
und den persönlichen Lebensprozess. Wachsen, Grünen und Früchte tragen
sind Bilder für das Leben. Das Abfallen der Blätter deutet auf Sterben und
Tod hin. Das Wiederaufsteigen der Säfte und die Knospen erinnern an
Auferstehung. So sieht das Christentum im Baum ein Symbol für Tod und
Auferstehung. Für Andreas Kuhnlein ist der Baum das Thema seines Lebens
und seiner Kunst. Er betrachtet den Baum als wesenhafte Erscheinung und
Synonym für den Menschen. Harthölzern von toten oder entwurzelten Bäumen
entlockt er ein Menschenbild, das geprägt ist von Verletzlichkeit und
Vergänglichkeit. Ein Baum mit seinen Jahresringen trägt die verflossene
Zeit ebenso in sich wie ein menschliches Antlitz.

„Erwartung“,
Ulme, 170 x 37 x 30 cm
Kuhnleins lebensgroße Skulpturen aus Eiche, Ulme oder Esche sprechen
Bände:
„Ein Kind kann man kaum anders darstellen als lieb, aber eine
neunzigjährige Frau ist wie ein Krimi.“ Gesichts- und Körperlandschaften
thematisiert der Künstler in verschiedenen Werkgruppen. Dem meisterhaften
Gebrauch der Kettensäge verdanken sich seine subtilen Häutungen. Er
belässt das Holz bei seiner natürlichen Struktur und Konsistenz. Die
feinen, mitunter absonderlichen Wahrheiten menschlicher Existenz und Moral
„verpflanzt“ der Künstler in den Baumstamm. Die zentrale Figur in der
Ausstellung ist das „Haupt Christi“. Die anderen Themen tragen archaischen
Charakter, obwohl sie heute noch ihre Gültigkeit besitzen: „Ohnmacht“,
„Auszeit“, „Rückblick“, „Erwartung“ und Zyklus mit „Stationen des Lebens“.
Letztendlich geht es Andreas Kuhnlein um das Bild des Menschen:
nachdenklich, traurig, meditativ oder hoffnungsvoll aufbrechend.

Zyklus „Stationen des Lebens“,
Eiche:
Kind (93 x 55 x 31cm)
Jugendlicher Mensch (123 x 58 x 35cm)
Erwachsener Mensch (130 x 70 x 34cm)
Alter Mensch (118 x 46 x 30cm)
Andreas Kuhnlein
lebt auf einem Bauernhof in Unterwössen im Landkreis Traunstein. Hier
wurde er 1953 geboren. Er absolvierte eine Schreinerlehre, ging aber nach
seinen Gesellenjahren zum Bundesgrenzschutz. Hier war Andeas Kuhnlein in
den 1970er-Jahren in der Terrorbekämpfung eingesetzt. Er war
beispielsweise mit der RAF oder der Schleyer-Entführung konfrontiert. Auch
an der Grenze zur ehemaligen DDR bei Mödlareuth war Andreas Kuhnlein im
Einsatz. So gesehen ist ihm der Nordosten Bayerns kein unbekanntes Land.
Wie er mir sagte, machte Andreas Kuhnlein beim Bundesgrenzschutz seine
Erfahrungen mit Gewalterlebnissen und mit menschlichen Schicksalen, was
ihn nachhaltig prägte und künstlerisch beeinflusste.
1981 kündigte er die sichere
Beamtenstelle, um die Landwirtschaft daheim zu übernehmen. Im Nebenerwerb
arbeitete er wieder als Schreiner. 1983 begann er als freischaffender
Künstler mit dem Schnitzen. Zunächst mit den klassischen
Bildhauerwerkzeugen, die er für seine Holz- und Steinfiguren benötigte.
Dabei entdeckte er sein Gefühl für Formen und Proportionen. Schließlich
entschied er sich für den Werkstoff „Naturholz“ und die Kettensäge, was
seinen künstlerischen Ambitionen voll entsprach. Damals ein wohl
experimenteller, „exotischer“, und gewagter Weg, aber dafür ein ungeheuer
reizvoller. Das große Problem war, wie er mir sagte, finanziell mit seiner
Familie zu überleben und sich gleichzeitig als Künstler weiter zu
entwickeln. „Ich bin Autodidakt und habe nicht den klassischen Weg des
Künstlers über die Akademie gemacht“. Dies ist insofern von Bedeutung,
weil Andreas Kuhnlein mittlerweile zu den bedeutendsten deutschen
Holzbildhauern der Gegenwart zu rechnen ist.

„Auszeit“, Ulme,
106 x 37 x 34 cm
Seine
Ausstellungen
In über 130 Einzelausstellungen, sowie mehr als 120
Ausstellungsbeteiligungen waren seine Werke in folgenden Ländern zu sehen:
Deutschland, Österreich, Ungarn, Kroatien, Serbien, Italien, Schweiz,
Niederlande, Spanien, England, Finnland, Südkorea, China, Kanada und USA.
Zahlreiche seiner Skulpturen befinden sich im öffentlichen Raum,
beispielsweise im Bayerischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, im
Berliner Stadtmuseum, in der Dresdner Kathedrale, im Skulpturenmuseum „Beelden
aan Zee“ in Den Haag (Niederlande), am Flughafen München, im Musée de la
Civilisation in Quebec (Kanada) oder im Bendler Block in Berlin. Unter
anderem wurde Andreas Kuhnlein 2005 eine Professur an der Kunstakademie in
Luoyang (China) verliehen. 2009 war er Kulturpreisträger des Bezirks
Oberbayern und erhielt 2010 den Ellinor Holland Kunstpreis.
Andreas Kuhnlein war als Künstler an bedeutenden Landesausstellungen
beteiligt:
2001 übernahm er die künstlerische Gestaltung der Begleitausstellung zur
Europaratausstellung Otto der Große in Magdeburg. Insgesamt
fertigte er dafür 30 Skulpturen.
Im Rahmenprogramm der Landesaustellung in Sachsen-Anhalt 2006 mit dem
Thema Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation errichtete
Kuhnlein an zehn Erinnerungsorten Skulpturen historischer
Persönlichkeiten. Bekannt ist auch seine Version des Magdeburger
Reiters, der seit 2002 im Kulturhistorischen Museum Magdeburg steht.
Außerdem wurde ihm die künstlerische Begleitung für die
Landesausstellungen 200 Jahre Franken in Bayern 2006 in Nürnberg
und Aufbruch in die Gotik 2009 in Magdeburg übertragen.

„Haupt des Christus“, Ulme, 60 x 35 x 35 cm
Was ist Kuhnlein nicht?!
Die Methode, aus Holzstämmen
mit der Motorsäge Figuren herauszuarbeiten, findet sich inzwischen
vielerorts. Andreas Kuhnlein nimmt nicht an der Europameisterschaft mit
Kettensägen teil. Totempfahl, Adler, oder Waldtiere und Vorgartenfiguren
der vielfältigsten Art: Das liegt ihm beileibe fern. Speed-Carving nach
amerikanischem oder kanadischem Vorbild auf Biomasse- oder Holztagen, das
ist eine ganz andere „profane“ Liga, die man allenfalls noch mit
Kunsthandwerk, Kunstgewerbe, meist aber mit Kitsch betiteln könnte.

„Ohnmacht“, Birke, 98 x 65 x
38 cb
Wer ist Andreas Kuhnlein und was ist sein Stil?
Kuhnleins Schaffen und Wirken ist tiefster Ausdruck seines Inneren. Der
gesteigerte Ausdruck seiner Figuren ist es, warum man bei ihm die Nähe
zum Expressionismus verspürt. Auch er möchte den Betrachter emotional
ansprechen und innerlich erschüttern. Werkzeuge wie Motorsäge oder
Flammenwerfer geben ihm die Möglichkeit, den inneren Druck nach außen zu
lenken. Der Bildhauer arbeitet nur im Freien, ohne Entwurfsskizze oder
Modell, am liebsten an kalten Wintertagen. Das Sommerhalbjahr ist bei
Kuhnlein für Ausstellungen reserviert. Nach getaner Arbeit und
Fertigstellung der Figur ist es ihm ein inneres Bedürfnis, den Holzplatz
aufzuräumen, also das Restholz und die Abfälle zur weiteren Verwertung als
Brennholz aufzustapeln. „Es ist eine meditative Nacharbeit, die ich am
Ende machen muss, genauso wie ein Sportler, für den nach dem Wettkampf das
„Auslaufen“ eine Pflichtübung ist.
Kuhnlein muss schaffen, nicht der Kunst
wegen, sondern seiner selbst wegen. Ihn leitet sozusagen ein innerer
Schaffensdrang. Dabei erhalten seine Werke eine außergewöhnliche, nicht
kopierbare Note. Jede Skulptur ist ein Unikat und drückt nicht nur sein
Innenleben aus, sondern sie ist zudem ein Spiegelbild der Gesellschaft.
Die Einzigartigkeit von Kuhnleins Skulpturen liegt in der unnachahmlich
geprägten Oberfläche. Diese erscheint aufgerissen und zerklüftet. Das ist
es, was seinen Arbeiten Leben einhaucht und dem Künstler seinen
individuellen und unverkennbaren Stil verleiht. So entstehen, wie er es
selbst ausdrückt, „kräftige und bewusst ruppig gestaltete” Menschenbilder,
Unikate allesamt. Es gleicht einem Kampf, wenn er dem Baum das „Fleisch“
bis auf das harte, skelettierte Kernholz abringt. Kaum zu glauben, dass
eine Motorsäge Leichtigkeit erzeugen kann. Die Figuren wirken massiv und
filigran zugleich, sie erscheinen geradezu zerbrechlich. Kaum jemand wagt
sie anzufassen.
Kuhnlein über sich selbst: „Irgendwann
ist mir klar geworden, dass die Idee, die du in einer bestimmten Skulptur
zum Ausdruck bringen willst, nicht von den feinen Details abhängt, sondern
durch die großen Linien bestimmt wird. Die Kettensäge zwingt dich, dass du
dich auf das Wesentliche beschränkst. Du überträgst immer deine momentane
Stimmung unmittelbar in dein Werk. Jeder Schnitt schafft unveränderliche
Strukturen. Du spürst den Widerstand, den dir das harte Holz entgegensetzt
und musst ihn dauernd überwinden. Das ist auch körperliche
Schwerstarbeit“.

„Rückblick“,
Ulme, 177 x 33 x 30 cm
Was schließen wir daraus? Welche
Eigenschaften muss Andreas Kuhnlein als Künstler vorweisen?
1.
Körperliche und geistige
Fitness, arbeiten bis zur Erschöpfung.
2.
Kunst und Krach schließen
sich nicht aus. Man muss starke Nerven haben und dabei kreativ bleiben.
3.
Richtiges Equipment und
Handling der gefährlichen Geräte.
4.
Ethische Leitlinie: Es
werden nur Baumstämme verwendet, die nicht extra zur Gestaltung gefällt
werden.
5.
Wissen über die
Beschaffenheit des Baums, seines Holzes, seiner Maser.
6.
Dreidimensionales
Vorstellungsvermögen und Feinfühligkeit, was die Übertragung der Fantasie
und der Ideen auf den Baumstamm betrifft, unter dem Motto „In jedem Baum
steckt eine Figur“.
Wenn man Andreas Kuhnlein mit wenigen
Worten charakterisieren müsste, würde man sagen er ist ein „Virtuose
der Kettensäge“.
www.kuhnlein-bildhauer.de
Flyer
zum Herunterladen.
Kontakt:
Egerländer Kunstgalerie
Fikentscherstr. 24, 95615 Marktredwitz
Tel. 0049 (0) 92 31 / 39 07
info@egerlandmuseum.de
www.egerlandmuseum.de
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, von 14:00 bis
17:00 Uhr
Sonderzeiten nach telefonischer Anmeldung