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Geschichte
einer alten Kiste
„Inventarnummer 17547: Fluchtkiste aus einfachen
Fichtenbrettern zusammengenagelt, Eisenbeschläge und ein Eisenriegel als
Verschluss. Sowohl Kistendeckel als auch die Seitenwangen sind mit
Anschriftenetiketten und Aufklebern mit der Nummer „3“ beklebt.“
Was
so nüchtern und sachlich im Inventarbuch des Egerland-Museums aufgelistet
ist, erzählt in der Realität eine Geschichte vom Mitnehmen und Zurücklassen
oder wie der Spender der Kiste schreibt: „Die Geschichte dieser
Vertriebenenkiste ist gleichzeitig ein tragischer Teil des Lebens meines
Vaters (…)“.

Holzkiste, Fluchtkiste des Hans Pleyer, Inv.-Nr.
17547.
Die Geschichte der Kiste beginnt mit Hans Pleyer, der 1890 in Eger geboren
wurde und dort bis zu seiner Vertreibung als Oberpostsekretär beschäftigt
war. In seiner Freizeit interessierte er sich besonders für die
Wirtschaftspolitik, zu dieser Thematik plante er die Publikation eines
Buches. Zahlreiche Lexika, die ihn zuhause zu Verfügung standen, unterstützten
ihn bei der Recherche. Als sich aber das Ende des Krieges abzeichnete und
die Familie bereits ahnte, dass sie ihre Heimat wahrscheinlich verlassen müssen,
beauftragte Hans Pleyer einen Egerer Tischler eine maßgerecht Kiste für
seine geliebten Lexika anzufertigen. Vielleicht verwundert es manchen
Leser, einen so nutzlosen Gegenstand in das Fluchtgepäck zu packen. Aber
für Hans Pleyer hatten die scheinbar nutzlosen Lexika einen hohen
ideellen Wert. Doch die Zeichen der Zeit ließen es nicht zu, die
geliebten Bücher mit auf den Transport zu nehmen.
Am 31. Juli 1945 musste Familie Pleyer ihre Wohnung in der Schmerlingstraße
28 in Eger verlassen. Die gezimmerte Bücherkiste wurde umfunktioniert,
denn in den erlaubten 30-70 kg Fluchtgepäck konnte nur Lebensnotwendiges
Platz finden: Betten, Geschirr, Lebensmittel und Kleidung und vielleicht
ein paar persönliche Kleinigkeiten. Die Lexika blieben zurück. Ein
Aufkleber mit der Nummer „3“ an der Holzkiste erinnert noch an den Flüchtlingstransport
nach Thüringen. Nach mehreren Stationen in verschiedenen Vertriebenen-
und Auffanglagern fand die Familie Pleyer schließlich eine neue Heimat in
Ruhla in Thüringen. Lange Zeit diente die Kiste in der spärlichen
Notunterkunft noch als wichtiges Möbelstück. Hans Pleyer arbeitete trotz
der armseligen Umgebung akribisch weiter an seinem Manuskript. Den Verlust
seiner in der alten Heimat zurückgelassenen Lexika konnte er aber nicht
überwinden. Er verstarb desillusioniert am 18. Februar 1947.
Geschichten, die die Verzweiflung über das Nichtmitnehmenkönnen persönlicher,
emotional hoch besetzter Andenkenstücke zum Thema haben, gibt es viele
– unsere Fluchtkiste mit der Inventarnummer 17547 steht exemplarisch für
diese Schicksale.
Die Holzkiste aber erhielt einige Jahre später doch noch ihre ursprüngliche
Aufgabe zurück. Der Sohn des verstorbenen Hans Pleyer erwarb eine
wunderbare mehrbändige Brockhaus-Ausgabe und die Kiste wurde für den
Versand der wertvollen Lexika verwendet. So kam sie nach vielen Jahren
doch noch zu ihrem Recht.
Carola Reul M.A.
Egerland-Museum Markredwitz
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