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Was
verbindet eine Handschuhkassette mit der Spanischen Grippe?
Ein aussagekräftiges
Objekt aus dem Bestand des Egerland-Museums ist eine schlichte
Handschuhkassette. Auf den ersten Blick ahnt man noch nicht, dass dieses
Stück mit einer tragischen Geschichte behaftet ist.

Die
Karlsbader Handschuhkassette mit dem Sprudelsteinmosaik und der Inschrift
„Anna Riedl 1914“
(B
32,0 cm, H 7,6 cm, T 10,5 cm, Bestand Egerland-Museum, Inv.-Nr. 14716)
Auffallend ist die Längsform
des Kästchens, was für die einstige Nutzung als Handschuhkassette
spricht. Der Korpus besteht aus Weichholz, das außen mit feinem Furnier
aus Nussbaummaser überzogen wurde. Innen kleidete man das Kästchen an
Wandung und Deckel mit weiß lackierten Holzplättchen aus. Der Boden ist
mit feinem rotfarbenen Samt bezogen. Hier hinein legte die „Dame von
Welt“ ihre feinen und teueren Lederhandschuhe. Auffallend ist die
verzierte Außenseite des Kassettendeckels. Mehrere Bandeinlagen aus
Messing umrahmen ein Binnenfeld, das als Mosaik angelegt ist. Die
einzelnen Schliffformen fertigte ein unbekannter Karlsbader
Sprudelsteinschleifer aus den ortstypischen Sprudelsteinen, Kalksteinen
und Malachitsplittern. Alle Einzelteile wurden symmetrisch zur Mitte als
Ornamentband arrangiert. Die handwerkliche Tradition der Karlsbader
Mosaikwaren reicht bis etwa 1830 zurück, als man eine Varietät des
kalkhaltigen Sintergesteins der Karlsbader Quellen, den sogenannten gebänderten
Sprudelstein, im Kunsthandwerk verarbeitete. Abnehmer einer reichen
Palette von Souvenirartikeln, darunter auch Kassetten und viele weitere
Gegenstände mit Sprudelsteinmosaiken, waren die Kurgäste. Ab dem Zweiten
Weltkrieg und mit der Vertreibung der Egerländer erlosch dieses
einzigartige Karlsbader Kunsthandwerk.
Bei genauem Hinsehen
entdeckt man Monogramm und Datierung eingraviert: „Anna Riedl 1914“. Die letzte Besitzerin der Kassette, Frau
Gertrud Träger aus München, weiß noch folgendes über diese junge Dame
zu berichten: Anna Riedl wurde 1891 in Eger als Tochter eines städtischen
Beamten geboren. Sie nahm als Teilnehmerin an einem Umzug der historischen
Wallensteinfestspiele teil, die vor dem ersten Weltkrieg 1908, 1909 und
1911 in Eger stattfanden.
Die
einstige Besitzerin der Handschuhkassette Anna Riedl ist für einen
historischen Festzug der Wallensteinfestspiele in Eger eingekleidet.
Frau Träger
berichtet weiter, dass ihr Vater Dr. med. Ferdinand Träger die besagte
Anna Riedl 1919 heiratete. Tragischer Weise sollte die Ehe nur von kurzer
Dauer sein. Zwischen 1918 bis 1920 wütete die Spanische Grippe als
weltweite Pandemie, die durch eine Variante des Influenzavirus A/H1N1
verursacht wurde und die schätzungsweise zwischen 25 und 50 Millionen
Todesopfer forderte. Die aktuelle Influenza-Epidemie, die im Frühjahr
2009 in Mexiko ihren Anfang nahm und die irreführend als
„Schweinegrippe“ bezeichnet wird, ähnelt übrigens der Spanischen
Grippe, da sie denselben Subtypus aufweist. Der Name entstand, weil
unzensierte erste Presseberichte über die in Spanien ausgebrochene Seuche
Nachricht gaben. Sie trat in drei Wellen auf, im Frühjahr 1918, im Herbst
1918 und in vielen Teilen der Welt noch einmal ab 1919. Der
Krankheitsverlauf war grundsätzlich heftig und kurz und ging mit starkem
Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen einher. Den meisten Erkrankten ging es
nach wenigen Tagen wieder besser. Todesfälle waren häufig auf eine
starke bakterielle Lungenentzündung als Folge zurückzuführen. Häufig
wurde eine begleitende, bläuliche bis schwarze Verfärbung der Haut
beobachtet, was von einem akuten Sauerstoffmangel herrührte. Möglicherweise
litt auch Anna Riedl an diesen Symptomen, denn sie verstarb 1920 an der
Spanischen Grippe in Eger. Ihre Handschuh-Kassette und Ihre tragische
Geschichte sind nun im Egerland-Museum geborgen.

Portraitfoto von
Anna Riedl um 1905
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