Karlsbader
Sprudelbecher
Zeugnis eines blühenden Kurwesen
im Egerland - Ein Sprudelbecher aus Karlsbad
Ein bemerkenswertes
Objekt fand vor wenigen Jahren mit zahlreichen anderen Karlsbader
Sprudelbechern und Sprudelsteinkästchen seinen Weg in das
Egerland-Museum. Es steht stellvertretend für die große
Sammelleidenschaft einer Münchnerin. 1982 schenkte Frau Edith Becher
ihrem Ehemann Dr. Walter Becher, einem gebürtigen Karlsbader, ein Stück
aus seiner Heimat: Einen Sprudelbecher aus Steingut. Seitdem wurde Frau
Becher von einem heftigen „Sammlervirus“ befallen, der sie immer
wieder auf Flohmärkten, Auktionen und Antiquitätengeschäften nach
dergleichen Gegenständen Ausschau halten ließ. Nun wurde die Wohnung zum
Hort für unzählige Kostbarkeiten. Eine hochwertige Sammlung von
Sprudelbechern wuchs im Laufe der Zeit heran. Umso mehr wissen es die
Verantwortlichen des Egerland-Museums zu schätzen, dass das Ehepaar
Becher ihren kostbaren Bestand nach Marktredwitz in museale Hände gab.
Um diese Geschichte
mit dem historischen Umfeld abzurunden, begeben wir uns ein paar
Jahrhunderte zurück in die Vergangenheit eines böhmischen Kurorts. Schon
in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts konnte sich der Adel in
Karlsbad neben einer Badekur auch einer Trinkkur unterziehen. Anfangs
herrschte noch der Irrglaube „viel hilft viel“. Zu wenig wusste man
damals über die Zusammensetzung des Heilwassers und seine medizinische
Wirkung. So blieb es nicht aus, dass die hochrangigen Kurgäste das
gehaltvolle Mineralwassser oftmals in enormen Mengen zu sich nahmen. Die
abführenden Folgen blieben hier sicherlich nicht aus. Infolge der
industriellen Revolution und den gesellschaftlichen Veränderungen stieg
im 18. Jahrhundert die Zahl der vermögenden bürgerlichen Kurgäste stark
an. Noch galt das Schröpfen als Allheilmittel und rituelle Brunnenregeln
gaben vor, welche Verhaltenvorschriften hinsichtlich der Gesundheit zu
beachten waren: Beispielsweise was der „Patient“ essen durfte und wie
viel er sich bewegen musste. Neben dem Genesen räumte man dem Genießen
und dem Promenieren in den Kuranlagen einen großen Stellenwert ein. Ab
dem Ende des 18. Jahrhunderts gewann die Trinkkur eine immer größere
Bedeutung. Als wichtigstes Utensil des Kurgastes in den böhmischen Bädern
galt nun der Sprudelbecher. Er avancierte zum Repräsentationsobjekt
schlechthin. Anders als in Marienbad und Franzensbad, wo das Wasser aus Gläsern
getrunken wurde, dominierte in Karlsbad der Trinkbecher aus Porzellan oder
aus dem leichteren Steingut. Ein Grund hierfür dürfte das stark mineral-
und sinterhaltige Wasser gewesen sein, das in transparenten Trinkgefäßen
eher unansehlich wirkte. Die Karlsbader „Boutiquen“ auf der
„Wiese“ und auf dem Markt boten neben anderen Souvenirwaren eine große
Auswahl an derartigen Porzellangefäßen an. Die Palette reichte von
einfachen Bechern mit standardisierten Aufschriften bis hin zu repräsentativen
verzierten Prunkstücken für gut Betuchte. Neben den reichen
Rohstoffvorkommen ist das Entstehen vieler Porzellanfabriken im Egerland
ab etwa 1792 auch auf den boomenden Bädertourismus der böhmischen Kurstädte
zurückzuführen.
Der Karlsbader
Sprudelbecher und die dazugehörige Porzellanmarke
aus der Sammlung von Editha Becher.
Die Sprudelbecher
waren in der Regel als Henkelbecher gestaltet, was das Halten beim Gehen
und Stehen begünstigte. Ein wandelnder Zeitstil bzw. Modegeschmack
bewirkte die Formveränderung dieses Gefäßtyps. Die leicht bauchige
Wandung bot Platz für unterschiedliche Dekorationstechniken. Nicht nur
die Fabriken selbst, auch die Hausmaler hatten mit der Verzierung der Weißware
ihr Auskommen. Individuelle Wünsche wie Portraitdarstellungen oder
Sinnsprüche, Monogramme und Datierungen in Gold konnten hier je nach
Geschmack und Geldbeutel des Kunden direkt in Auftrag gegeben werden. Eine
wesentliche Veränderung der Gefäßform fand in den 1920er Jahren statt.
Zahnmediziner befürchteten, dass der Genuss des Karlsbader Mineralwassers
eine Verfärbung der Zähne zur Folge hätte. Abhilfe versprach man sich
durch eine neuartige Konstruktion am Gefäß: Der hohle Henkel diente nun
gleichzeitig als Trinkröhrchen. Indem das Heilwasser durch diesen
„Schnabel“ aus dem Becher gesaugt wurde, kam es weniger mit den Zähnen
in Kontakt.
In der Sammlung
Becher befindet sich ein derartiger Sprudelbecher aus Steingut samt der
dazu gehörigen runden gelochten Porzellanmarke mit der Nummer „446“.
Mit dieser konnte der Kurgast gegen ein Entgelt sein Gefäß in der
Sprudelhalle deponieren. Das Trinkgefäß selbst ist ungemarkt. Es besitzt
eine leicht gebauchte Form mit einem Durchmesser von 7 Zentimetern, ist
etwa 12,5 Zentimeter hoch und mit seinem Röhrenhenkel 10 Zentimeter
breit. Die goldfarbene Aufschrift verrät Herkunft und Alter: „Karlsbad
1929“. Neben einer schlichten Staffagenmalerei in Gold und einem rötlichen
Rand zeigt die Wandung einen mehrfarbigen Druckdekor. Als Motiv ist der
Karlsbader Sprudel, der wohl älteste Karlsbader Brunnen, dargestellt. Die
Fontäne mit dem etwa 70 Grad heißen Wasser findet ihren Niederschlag in
einem Becken. Es war üblich, sich mit seinem Becher in die lange Schlange
der Wartenden einzureihen. Brunnenfrauen mit weißer Schutzkleidung und
Kopfbedeckung bedienten hier die Kurgäste. Um das etwa 70 Grad heiße
Wasser in den Sprudelbecher aufzunehmen, bedurfte es einer speziellen Schöpfstange,
in die der Becher zum Befüllen mechanisch eingeklemmt wurde. Nach dem Abkühlen
konnten die Kurgäste das Heilwasser beim Flanieren, bei Unterhaltung und
Kurmusik genießen. Dabei galt die größte Aufmerksamkeit natürlich dem
„Sehen und gesehen werden“.
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