Wilder Mann

Thema des Monats August/September 2003

Die Stadt Eger und ihre „Wilden Männer“

Wie ein „Wilder Mann“ zum Heiligen wurde

Eines von vielen Zeugnissen die belegen, wie eng die Verbundenheit zwischen dem Eger- und Sechsämterland einst war, befindet sich seit kurzem im Egerland-Museum Marktredwitz. Erstmals zum Egerlandtag 2003 wird eine farbig gefasste Holzfigur aus dem 18. Jahrhundert in der Ausstellung zu sehen sein. Nicht nur die qualitätvolle Schnitzerei, sondern auch der historische Hintergrund zu diesem „Wilden Mann“ aus Eger bieten Anlaß zu einem Aufsatz. Dabei soll auf die belegbaren, aber auch auf die spekulativen Aspekte zur Geschichte der Figur eingegangen werden.


Wilder Mann“ als Wappenhalter

Barocke Holzfigur aus Eger, geschnitzt und farbig gefaßt
Höhe 61 cm, Breite 41 cm, Tiefe 15 cm
Standort: Egerland-Museum Marktredwitz, Inv.-Nr. 10


Rückenansicht der barocken Holzfigur

Das „Weisse Roß“ war einer der ältesten Gasthöfe in der Stadt Arzberg. Es mußte in den 1990-er Jahren einem neuen Bankgebäude weichen. In dem Band „Die Kunstdenkmäler von Oberfranken“ (1954)[1] findet man unter „Arzberg, Marktplatz Nr. 5“ den besagten Gasthof beschrieben. Als Inventar mit aufgeführt ist eine „seit Generationen hier verwahrte Holzfigur aus der Barockzeit um 1730“. Sie ist mitsamt dem Sockel 61 cm hoch, aus Lindenholz geschnitzt und farbig bemalt. Dargestellt ist ein keulenschwingender „Wilden Mann“, dessen Linke auf dem Egerer Stadtwappen ruht. Dieser kraftstrotzende Wappenhalter muß im Halbdunkel des Treppenaufgangs in einer Mauernische gestanden haben. Gelegentlich sollen Gäste aus den umliegenden katholischen Gegenden bei der Einkehr sich vor dem Wilden Mann bekreuzigt haben, wohl in der übereilten Annahme, es handle sich hier um St. Gambrinus, den Hausheiligen des Gasthofs[2]. Wie die barocke Skulptur nach Arzberg gelangte, kann nur vermutet werden. Eine Theorie liegt in den engen nachbarschaftlichen Beziehungen der Arzberger und Egerer Schützengesellschaften begründet: „Wir nehmen an, dass es sich um einen wertvollen Schützenpreis handelt, den sich ein Arzberger Bürger in Eger holte…Im Gasthof, wo die Schützen einkehrten, fand der Ehrenpreis einen würdigen Platz. Bei Schützenfesten und Kirchweihen nämlich kamen die Egerer „heraus“ und die Arzberger „hinein“[3].

Das Motiv des „Wilden Mannes“ in Eger

Wilde Männer als Schildhalter von Wappen, aber auch als Einzelfiguren in kleinen Wappen kommen häufig vor. Vergleichbar mit Herkules, verkörpern diese mythologischen Gestalten übernatürliche gewaltige Kräfte. Sie demonstrieren ihre Stärke durch eine schwingende Keule oder einen ausgerissenen Baum. Sie tauchen öfters als Sagengestalten sowie im Bergbauwesen des Erzgebirges auf, was sich durch den Grubennamen „Wilder Mann“ in Freiberg bereits im 15. Jahrhundert belegen läßt. Die Provenienz der beschriebenen Holzfigur zu Eger ist zum einen durch das Wappen selbst eindeutig belegt: Der nach rechts blickende schwarze Adler symbolisiert die freie Reichsstadt, das darunter angeordnete weisse (oder silberweisse) Schräggitter auf rotem Grund den Festungscharakter. Zum anderen bietet aber auch das Thema „Wilder Mann“ historische Bezugspunkte zur Stadt Eger.

So erscheint in mehreren Papierwasserzeichen der Egerer Papiermühle der Wilde Mann ab der Mitte des 17. Jahrhunderts[4]. Heribert Sturm verweist darauf, dass diese Gestalt, die ja eigentlich als Schildhalter fungierte, für einige Zeit quasi selbst als Wappenzeichen von Eger angesehen wurde[5]. Die Vorliebe für diese mythologische Figur war offenbar im 18. Jahrhundert sehr ausgeprägt. In der Chronik der Stadt Eger von Karl Huß (1797) ist auf einem Vorsatzblatt dieser keulenschwingende Wappenhalter in Wasserfarbentechnik wiedergegeben[6].


Titelblatt der Stadtchronik von Karl Huß mit der Darstellung

des Wilden Mannes, Wasserfarben auf Papier, datiert 1797
Standort der Chronik: Metternich Schloß Bad Königswart,
Faksimile im Kreismuseum Eger

Zwei überlebensgroße steinerne Skulpturen, beide von ein und demselben Künstler gehauen, findet man heute noch an prominenten Stellen in Eger. Der Baubeginn des neuen Rathauses erfolgte 1727. Der Entwurf oblag dem königlich-böhmischen Fortifikationsbaumeister Giovanni Battista Alliprandi. Für die Figuren im repräsentativen Treppenhaus wurden zwei bedeutende Bildhauer engagiert: Zum einen der bereits durch seine Arbeiten im Kloster bzw. in der Stiftsbibliothek Waldsassen bekannte Carl Stilp, zum anderen der Bildhauer Peter Anton Felßner[7]. Beide waren in Eger die bestimmenden Barockbildhauer in der Zeit des ausgehenden 17. Jahrhunderts bis etwa 1745. „Dabei war Felßner wohl hauptsächlich in Eger und der näheren Umgebung tätig, während Stilp auch in den Diensten der Äbte von Waldsassen stand und weit in das Stiftland hinein wirkte. Während nach 1735 die Stilpsche Werkstatt in den Gebrüdern Stilp erfolgreiche und begnadete Bildhauer hatte, die Altäre und Kanzeln in der Dominikanerkirche und Maria Kulm mit herausragenden Plastiken schufen, ist über ein Fortbestehen der Felßnerschen Werkstatt nichts bekannt, jedenfalls nicht unter diesem Namen“[8]. 1728 schuf Peter Anton Felßner für 45 Gulden die barocke Sandsteinkulptur des Wilden Mannes im ersten Stock des Treppenhauses. Dasselbe Motiv griff er 1738 für die Figur des Unteren Egerer Marktbrunnens vor dem Stöckl auf, diesmal jedoch in einer schlichteren Ausführung, zumal er hier Granit als Werkstein verwendete.


Skulptur aus Sandstein von Peter Anton Felßner im repräsentativen Treppenaufgang des „Neuen Rathauses“ von Eger, datiert 1728


Brunnenfigur aus Granit von Peter Anton Felßner

Es gilt als wahrscheinlich, dass Peter Anton Felßner auch für den Marktbrunnen in Marktredwitz den wappenhaltenden böhmischen Löwen mit den Wappen von Eger und Marktredwitz im Jahr 1739 gefertigt hat[9]. Die Originalskulptur befindet sich heute in der Dauerausstellung des Egerland-Museums Marktredwitz.

Gegenüberstellung der Skulpturen

Vergleicht man nun die beiden steinernen Ausführungen des Wilden Mannes von Felßner mit der Holzfigur des Egerland-Museums, so sind Übereinstimmungen, aber auch wesentliche Unterschiede in der Gestaltungsweise erkennbar. Allen Figuren gemeinsam ist das Motiv des keulenschwingenden und wappenhaltenden Wilden Mannes, wobei die Holzplastik mit einem Efeukranz um die Hüften bekleidet ist, während die Steinskulpturen Lenden- und Schultertuch aufweisen. Die Ausprägung des Wappenschildes mit der Darstellung des Egerer Stadtwappens in einer geschwungenen Kartuschenrahmung weist bei den drei Vergleichsobjekten große Ähnlichkeit auf. Auffallend sind allerdings die Abweichungen in der Haltung des Schildes vor und neben dem Körper. Dasselbe gilt auch bei der „anatomischen“ Gegenüberstellung. Alle Figuren sind vollplastisch in qualitätvoller Bildhauermanier ausgebildet. Die einzelnen Körperhaltungen mit dem jeweils ausgeprägten Zusammenspiel der Muskulatur weichen voneinander ab. Zumindest bei den Steinfiguren liegt dies in ihren Standorten begründet. Beispielsweise besitzt die Figur des Wilden Mannes im Rathaus an der Biegung des Treppenhauses die Funktion, einerseits den Aufwärtsgehenden das Stadtwappen zu präsentieren und andererseits ihn durch eine Drehbewegung optisch in das obere Geschoß weiter zu leiten. Nach diesen Vergleichen einiger wichtiger Merkmale erscheint es eher unwahrscheinlich, dass es sich bei der gefassten Holzfigur um eine Kopie oder ein Modell des Felßnerschen Wilden Mannes am Unteren Marktbrunnen in Eger handelt[10]. Aufgrund der qualitätvollen Ausführung dieser barocken Holzskulptur ist ein Bezug zum Umfeld bzw. zur Werkstatt Felßners nicht auszuschließen. Neben den beiden bekannten Künstlern Stilp und Felßner gab es noch eine ganze Anzahl von weiteren barocken Bildhauern, denen man diese Arbeit zuschreiben könnte[11].

Maßnahmen zur Erhaltung der bemalten Holzfigur

Der Wilde Mann kam in einem restaurierungsbedürftigen Zustand ins Museum. Aufgrund des Standorts im Wirtshaus war die Bemalung insgesamt von einer geschlossenen Nikotin- und Schmutzschicht überzogen. Zahlreiche Ausbrüche und lose Farbschollen waren erkennbar. Einige Partien sind im Laufe der Zeit wohl aus optischen Gründen überfasst worden. Um die Figur in der Ausstellung präsentieren zu können, wurden Erhaltungsmaßnahmen und eine begleitende Dokumentation zur Restaurierung von einer qualifizierten Restauratorin durchgeführt. Man entschied sich dafür, die Oberfläche zu reinigen und zu festigen. Es sollte eine objektschonende Konservierung, jedoch keine Freilegung der übermalten Originalpartien und Retouche der Fehlstellen erfolgen. Die ursprüngliche Fassung der vollplastisch geschnitzten Figur ist mehrschichtig aufgebaut. Zunächst wurde ein relativ dicker Leim-Kreidegrund aufgetragen. Darauf kam die polychrome und nuancenreiche Bemalung mit Ölfarben sowie die Vergoldung. Anhand des Restaurierungsberichts und der angelegten Farbmuster können die originale Farbgebung und die Übermalungen nachvollzogen werden.

Aus ideeller und kunsthistorischer Sicht besitzt dieses Exponat für das Egerland-Museum einen hohen Stellenwert. Ankauf, Konservierung und Präsentation des barocken Wilden Mannes ermöglichte dankenswerter Weise der Förderverein des Egerland-Museums.


[1] Die Kunstdenkmäler von Oberfranken Bd.1, Landkreis Wunsiedel und Stadtkreis Marktredwitz, bearb. v. Bernhard Röttger, München 1954, S. 75 f.
[2] Windirsch, Lorenz: Modell eines Egerer Brunnenstandbildes in Arzberg. In: Sechsämterland, 4. Jg., Nr. 9 v. 29. August 1953
[3] ebd.
[4] Sturm, Heribert: Eger. Geschichte einer freien Reichsstadt, Bd. II, Augsburg 1952, S. 256 f.
[5] ebd. S. 257
[6] Die Hußsche Chronik befindet sich im Bestand des Metternich-Schlosses in Bad Königswart. Der Originaltitel lautet: Kronik Wie sich anfang der Stadt Eger und ferneren aufnahme ungefehr zugetragen, aus sicheren wahren urkunden und kroniken von Karl Huß, Scharfrichter zusammengesetzt worden im Jahr Christi 1797 1. Theil
[7] Zu Peter Anton Felßner siehe: Tietz Strödel, Marion: Die städtebauliche Entwicklung der Stadt Eger vom 12. bis ins 20. Jahrhundert. In: Schreiner, Lorenz (Hrsg.): Kunst in Eger, München, Wien 1992, S. 162 und Hamperl, Wolf-Dieter: Bildhauer der Barockzeit, Stichwort Peter Anton Felßner. In: Kunst in Eger, S. 322-330
[8] Hamperl, Wolf-Dieter: Die Steinmetzfamilie Felßner aus Eger. In: Volkskundliches und historisches aus dem Egerland. Festschrift für Hermann Braun, hgg. von der  Stadt Marktredwitz, dem Bund der Eghalanda Gmoin e.V. und dem Arbeitskreis Egerländer Kulturschaffender e.V., Marktredwitz 1989, S. 17 f.
[9] ebd. S. 12
[10] Vgl. Die Kunstdenkmäler von Oberfranken, S. 76: „…Modell oder Kopie (in Lindenholz, bemalt, 65 cm hoch) der steinernen, überlebensgroßen Figur des sagenhaften deutschen Heldenkönigs Alemann auf dem Unteren Brunnen vor dem Stöckl in Eger“.
[11] siehe hierzu: Hamperl, Wolf-Dieter: Bildhauer der Barockzeit, S. 317-346