Egerländer Trachten – Lebendige Heimat

Sonderausstellung des Egerland-Museums in Kooperation mit dem Gut Bernard (Statek Bernard) und dem Bund der Eghalanda Gmoin e.V. vom 4. Juli bis 24. Oktober 2021.


Johann und Margareta Heinz aus Katzengrün bei Königsberg an der Eger. Aufnahme um 1892

Je nach Herkunftsregion gab es früher im Egerland unterschiedlich ausgeprägte Trachten, insbesondere Frauentrachten. Beim Kirchgang oder bei festlichen Anlässen konnte man den „Festtagsstaat“ der Egerländerinnen bestaunen. In aufwändiger Handarbeit gefertigt, entstanden aus qualitätvollen Samt-, Seiden- und Wollstoffen, Brokatbändern, Klöppelspitzen sowie Stickereien prächtige Schulter-, Kopf- und Umhängetücher, Spenzer, Mieder, Schürzen und vieles mehr. Besonderen Wert legten die Trachtenträgerinnen auf ihre Gold-, Silber- Weiß- oder „Flinnerlhauben“. Silberschmuck, handgestrickte Strümpfe mit komplizierten Strickmustern, Schnallenschuhe, Handtaschen mit Perlenstickereien und viele weitere Accessoires gehörten zur Egerländer Tracht. Auch die Männer konnten sich sehen lassen, mit ihren schwarzen Pumphosen, verschiedenfarbigen Schwenkern, Jankern und Westen, mit dem Bänderhut oder Quastenhut, den Hosenträgern mit den „Huasnoa(n)toutaran“ aus Messing, den Schnallenschuhen und hohen Lederstiefeln.


Lorenz und Barbara Schöner aus Ulrichsgrün. Aufnahme um 1919

Im 19. Jahrhundert erstreckte sich die Blütezeit dieser „alten“ Egerländer Trachten bis in die 1880er Jahre. Viele Details wurden weiterentwickelt, manches ging mit der Zeit verloren, denn der Einfluss der städtischen Mode hielt immer mehr Einzug auch in ländliche Gegenden. In den westböhmischen Badeorten setzte um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein touristisch verklärter Blick auf die Trachten des Egerlandes ein. Vincenz Pröckl berichte 1848, dass es für Fremde höchst interessant sei, einen typischen Egerländer Hochzeitszug zu sehen. Ein gemaltes Exemplar aus dieser Zeit befindet sich im Egerland-Museum. Diese auf geweißtes Papier oder Pergament mit Wasserfarben gemalten Darstellungen waren zunächst als Erinnerungen an den „wichtigsten Tag im Leben“ gedacht. Später verkaufte man die mitunter meterlangen und leporelloartig gefalteten Malereien, als Souvenir an Badegäste.


Margarete Kleisinger aus Ulrichsgrün oder Buchenmühle bei Altalbenreuth. Atelieraufnahme um 1919

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die meisten traditionellen Festtagskleidungen von bürgerlicher Mode abgelöst. Aber bereits nach kurzem Dämmerschlaf in Truhen und Schränken erwachte um 1900 im Egerland ein neues Interesse an den Trachten. Das beruhte zum einen auf neuen „Trends“ in den böhmischen Bädern. Dort erkannte man den Werbewert von einheimischen Trachten. So kleideten sich nicht nur einheimische Bedienstete, sondern auch gerne Badegäste „ländlich“. Zum anderen trugen Egerländer Vereine und Gmoin sowie volkskundliche Forscher wie Alois John oder Josef Hofmann, die die historischen Trachten dokumentierten, zur „Wiedergeburt“ und Erneuerung der Trachten bei.


Eine Ascher Tracht im 19. Jahrhundert

Nach der Auflösung der Donaumonarchie am Ende des Ersten Weltkrieges wurde das Egerland gegen den Willen seiner deutschsprachigen Bevölkerung 1918/19 der Ersten Tschechoslowakischen Republik einverleibt. Seitdem besaß die Tracht im Egerland neben der traditionellen auch eine politische Rolle: Wer sie trug bekannte sich zum „Deutschtum“. Ein Trachtenumzug und im Speziellen das Tragen der „Batzerlstrümpfe“ konnte daher als eine Art Demonstration oder als Akt des solidarischen Zusammenhaltes gewertet werden.

Ende der 1930er Jahre begann der Volkskundler Josef Hanika in Eger zusammen mit dem Bund der Deutschen gezielt mit der Erneuerung der Tracht. Neben dem Raum Eger, wurden noch weitere sieben Trachtengebiete im damaligen Regierungsbezirk Eger genannt:

Karlsbader (Unterländer), Ascher, Egerer, Luditzer, Marienbader, Mieser, Chotischauer und Bischofteinitzer Tracht

Bei der Vertreibung 1945/46 wurden einige wertvolle authentische Stücke meist im Flucht- und Vertreibungsgepäck mitgenommen. Spätestens als die Egerländer sich 1950 wieder zum Bund der Eghalanda Gmoin (BdEG) zusammenschlossen, wurde der starke Wunsch nach dem Tragen der Tracht geweckt. Seitdem setzte ein regelrechter Aufschwung bei der Herstellung Egerländer Trachten ein. Bis heute gelten für die erneuerten Trachten die Maßgaben, die Josef Hanika in den 1930er Jahren festlegte.


Das Gschirr, reich verziert und mit prächtigen Huasnoa(n)toutaran

Das Tragen einer Tracht war und ist für die Egerländer ein wesentliches Identitätsmerkmal und ein Bezug zur Heimat. Allerdings gibt es auch negative Tendenzen zu verzeichnen: Das Wissen um originale Trachten und der Brauch, zu festlichen Anlässen Egerländer Tracht zu tragen, schwindet kontinuierlich mit Abnahme der sogenannten „Erlebnisgeneration“. Daher besteht seit geraumer Zeit seitens der Egerländer der große Wunsch nach einer Trachtenausstellung, die nun im Egerland-Museum verwirklicht ist.


Der Lebensbaum auf der Egerer Frauentracht

Heimat und Tracht sind heute im Allgemeinen nicht nur in Bayern wieder „en vogue“, was sich tagtäglich in den Medien widerspiegelt. Auch tschechische Kulturkreise interessieren sich einigen Jahren zunehmend für böhmische resp. Egerländer Trachten. Insofern soll dieses Thema unter dem grenzüberschreitenden Aspekt aufgegriffen und das Interesse der deutschen und tschechischen Museumsbesucher geweckt werden. Gleichzeitig bietet die Ausstellung mit den begleitenden Workshops eine Möglichkeit, die öffentliche Wahrnehmung und Revitalisierung von Egerländer Trachten zu fördern. Das Gut Bernard/ Statek Bernard (Königswerth/ Královské Poříčí) ist Projektpartner des Egerland-Museums. Es widmet sich als Zentrum für traditionelle Handwerke der Kulturgeschichte des Egerlandes.


Die Karlsbader Tracht in der Ausstellung

Bei der grenzüberschreitenden Trachten-Ausstellung im Egerland-Museum werden nach historischen Vorbildern und überlieferten Handwerkstechniken gefertigte Egerländer Trachten gezeigt. Der Fokus fällt auf die klassischen erneuerten acht Frauentrachten und drei Männertrachten. Zusätzlich werden Accessoires wie Schmuck, Schuhe, Taschen etc. ausgestellt. Einige der Frauentrachten wurden extra für die Ausstellung neu angefertigt. Damit beweisen die Trachtenspezialistinnen aus dem Kreis des BdEG ihr hohes Geschick beim Schneidern der Trachten und darüber hinaus bei der meisterlichen Beherrschung weiterer traditioneller Handarbeitstechniken. Eine von ihnen ist Henny Hlawatsch, die 1934 in Karlsbad/ Weheditz geboren wurde. In der neuen Heimat entdeckte sie die Liebe zu Handarbeiten. Ab 1949 absolvierte Sie in Bad Cannstatt (Stuttgart) eine Lehre als Damenschneiderin. Über Jahrzehnte hatte Sie viele führende Ehrenämter bei der Egerländer Gmoi Stuttgart und beim BdEG inne. Henny Hlawatsch hat im Rahmen dieses Trachtenprojekts die anspruchsvolle Chotischauer Frauentracht und zusammen mit ihrer Tochter Elke Trübswetter die Mieser Frauentracht in unzähligen Stunden gefertigt.


Ein Ausschnitt eines handbestickten Umhängetuches

Ein weiterer Aspekt dieses Ausstellungsprojekts widmet sich der Weitergabe des Wissens um Egerländer Trachten an jüngere Generationen (Egerland-Jugend) und interessierte tschechische Kulturkreise, die sich mit der Geschichte des Egerlandes und den originalen Trachten vor 1945 auseinandersetzen. Die Trachten des Egerlandes sind Teil der Kulturgeschichte von Nordwestböhmen und damit auch Bestandteil der älteren deutschen Geschichte der heute hier ansässigen tschechischen Bevölkerung.


v.l.: Ingrid Hammerschmied, Elke Trübswetter und Inge Herrmann vom BdEG

Von besonderer Bedeutung ist dabei die Wiederbelebung und Weitergabe historischer Handarbeitstechniken zur Trachtenanfertigung. Vorbilder hierfür sind sowohl originale Trachten sowie Fotografien in privaten und musealen Sammlungen (z.B. Josef Hofmann, Josef Hanika, Bestand Egerland-Museum, Privatbesitz etc.). Zur Vermittlung der Bandbreite der Egerländer Trachten und der historischen Handarbeitstechniken unter grenzüberschreitendem Aspekt sind zwei Praxis-Workshops, einer im Gut Bernard und einer im Egerland-Museum geplant. Die fachliche Leitung übernehmen die Trachtenspezialistinnen des BdEG sowie eine Fachkraft aus dem Gut Bernard, die sich alle im Besonderen mit dieser Thematik seit Jahrzehnten auseinandersetzen. TeilnehmerInnen werden aus dem deutsch-tschechischen Grenzraum (Nordwestböhmen, Fichtelgebirge, Oberpfalz) erwartet. Auch die Egerland-Jugend und die Mitglieder des Bundes der Deutschen Landschaft Egerland (Minderheit in Tschechien) sind wichtige Zielgruppen.


Die Egerländer Trachtenwerkstatt bei einem Sudetendeutschen Tag

Die jüngere und mittlere Generation der Egerländer sind seit vielen Jahren verstärkt daran interessiert, möglichst authentisch gefertigte Trachten zu tragen. Mit großem Stolz werden diese bei vielen Anlässen getragen und auch hier gezeigt: „Egerländer Trachten sind ein Stück lebendige Heimat!“


Auf jedes Detail wird wurde geachtet

 

 


Eine sehr schön gearbeitete Goldhaube

 

Text: Volker Dittmar und Volker Jobst

Bilder: Christina Czybik, Peter Brezina

 

 

Folgt noch:

Flyer zum Herunterladen.   

 

Egerländer Trachten – Lebendige Heimat

Sonderausstellung des Egerland-Museums in Kooperation mit dem Gut Bernard (Statek Bernard) und dem Bund der Eghalanda Gmoin e.V. vom 4. Juli bis 24. Oktober 202.

 

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Sonntag, von 14 bis 17 Uhr
Für Gruppen nach Voranmeldung auch zu anderen Zeiten.
Erweiterte Öffnungszeiten am Egerlandtag und bei der Bundeskulturtagung.

Eintritt frei!


Kontakt:

Egerland-Museum
Fikentscherstraße 24,
95615 Marktredwitz
Tel. 0049 (0) 9231 / 3907

info@egerlandmuseum.de

www.egerlandmuseum.de