Das Poesiealbum

“Geborgen und verborgen” – November 2010

Das Poesiealbum

Wer erinnert sich nicht mehr an Verse wie: “Edel sei der Mensch, hilfreich und gut” oder den gern gewählten Spruch auf der letzten Albumseite: “Ich habe mich hier angewurzelt, damit niemand aus dem Album purzelt”, wenn man an das Poesiealbum aus seiner Schulzeit denkt.

“Vergiss mich nicht;-
wenn uns auch Meilen trennen,
zuweilen lass Dein Denken
bei mir sein –
und bittend soll dies’ Blättchen
Dich erinnern’ ich
möcht` nicht ganz von
Dir vergessen sein.”

Diese sorgfältig geschriebenen Verszeilen wurden im Jahr 1910 in Sangerberg in ein kleines Poesiealbum eingetragen. Hinter dem dunkelroten Samteinband des Büchleins finden sich die gesammelten poetischen Eintragungen von Freunden, Eltern, Geschwistern und Verwandten. Blättert man durch die Buchseiten, so erinnern die mit Schönschrift geschriebenen Reime und Sprüche, die liebevoll verziert sind mit Zeichnungen, Glanz- und Lackbildchen, an Menschen, mit denen der Lebensweg oder Abschnitte geteilt wurde. Die Eintragungen des Poesiealbums reichen von 1899 bis in das Jahr 1910.

Poesiealbum
Sangerberg, 1899-1910
Bestand des Egerland-Museums Marktredwitz

Die schöne Sitte, in ein Freundschaftsbuch zu schreiben, ist viel älter als unsere persönliche Erinnerung reicht. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts entstand der Brauch, guten Freunden Namen, Wappen und Wahlspruch in ein Stammbuch (lat. “album amicorum”) zu schreiben. Solch ein “Album der Freunde” war damals nur unter Studenten üblich. Nur Studierende aus gutem Hause besaßen solch ein Büchlein, in dem Professoren und Studienkollegen ihnen Wünsche oder Zitate widmeten. An der Anzahl der Einträge konnte man erkennen, wie geschätzt eine Person war. Je mehr Einträge ein Student in seinem Stammbuch hatte, desto größer war sein Ansehen.

Im 18. Jahrhundert wurde der Gebrauch des Stammbuches immer beliebter. Nicht nur Studenten pflegten die Sitte des Stammbuches, sondern auch der Adel fand an diesem Buch immer mehr Gefallen. Aber auch hier erfüllten die Alben denselben Zweck: Sie zeigten, wie bedeutend die gesellschaftlichen Kontakte einzelner Personen waren und galten somit als ein Dokument für ihr Ansehen. Im 18. Jahrhundert kamen zu den Sinnsprüchen auch Widmungen und viele Zeichnungen, die Einträge wurden immer aufwendiger gestaltet. Neben Wappen verzierte man die leeren Buchseiten nun mit Freundschaftsstempeln, Portrait-Silhouetten und Zeichnungen.

Seite aus dem Poesiealbum, 1909

Dabei unterschieden sich Frauenstammbücher meist von Männerstammbüchern. Die Alben der Damen wurden meist mit getrockneten Blüten, Seidenstickereien und mit geflochtenen Haarlocken dekoriert.

Die Blütezeit erlebte das Poesiealbum im 19. Jahrhundert, als Mitglieder von literarischen Zirkeln sich gegenseitig mit Versen und künstlerischen Beiträgen in eigens angeschafften Heften verewigten. Aber auch Menschen anderer gesellschaftlicher Schichten nutzten die Stammbücher. So wurden die Alben zu dem, was wir heute kennen – zu reinen Freundschaftsbüchern. Da das Album meist mit Sprüchen, Gedichten und Lebensweisheiten versehen wurde, wurde es seither Poesiealbum genannt.

Seite aus dem Poesiealbum, 1903

Die Beliebtheit von Poesiealben ist stets einem Modetrend unterworfen. Moderne Poesiealben heißen nun “Freundschaftsbuch” oder “Meine Schulfreunde” und lassen mit vor gedruckten Fragen Platz für Fotos, Hobbys, Lieblingsessen oder den Lieblingsfilm sowie einen Sinnspruch, wie es ursprünglich üblich war.

Vielleicht blättern auch Sie mal wieder in den Seiten ihres Poesiealbums und erinnern sich an längst vergessene Menschen, die ihnen ein kleines Sprüchlein gewidmet haben.

Carola Reul M.A.

Egerland-Museum Marktredwitz

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, von 14:00 bis 17:00 Uhr